Der verkürzte Blick auf Dayton – Eine Erwiderung zu Sead Husic
In seinen jüngsten Beiträgen für die Blätter für deutsche und internationale Politik zeichnet Sead Husic ein düsteres Bild der internationalen Ordnung in Bosnien und Herzegowina. Schon in seiner These aus dem vergangenen Jahr, „Von Milošević zu Trump: Die bosnische Tragödie und der Verrat an den Bürgerrechten“ (Heft 11/2025), spannte er den Bogen von Dayton als vermeintlicher Blaupause für den globalen Niedergang des Rechts bis hin zur Gegenwart. Diesen Faden greift er nun in seiner Kritik am Agieren des Hohen Repräsentanten Christian Schmidt (Heft 7/2026) wieder auf. Doch Husics Argumentation krankt an einer selektiven Perspektive und einer auffällig zugespitzten Anti-HDZ-Rhetorik, die komplexe indigene Dynamiken zugunsten eines exogenen Schuld-Narrativs verkennt.
Mein eigener Blick auf die Region ist kein rein theoretischer. Als ich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre im Kontext des Dayton-Abkommens und der Arbeit für Amnesty International nach Bosnien kam, stand die Hoffnung auf eine echte Transformation im Raum. Die Frage, wie eine europäische Sicherheitsarchitektur auf der Basis von Immanuel Kants Prinzipien des Rechtsfriedens aussehen könnte – ein Gedanke, den ich damals in meiner Master-Thesis untersuchte –, begleitet mich bis heute. Sie prägt mein langjähriges Engagement für ein Waisenhaus in Bihać ebenso wie die tiefe Verbundenheit mit indigenen Friedensinitiativen der Region – sei es durch die Teilnahme am PeaceWalk oder die Auseinandersetzung mit der wegweisenden School of Peace von Franjo Starčević, die schon während des Krieges zeigte, wie interethnische Versöhnung von der Basis aus gelingen kann.
Aus dieser Perspektive zeigt sich die fundamentale Schwachstelle in Husics Argumentation. Er interpretiert die fortwährende Krise keineswegs als das Resultat bloßer internationaler Fehlentscheidungen. Seine Stoßrichtung ist weitaus radikaler: Er unterstellt der internationalen Gemeinschaft – und dem OHR als deren Exekutive – eine bewusste Boshaftigkeit. In bester postkolonialer Manier wird hier das Zementieren der ethnonationalen Grenzen als systemisches Kalkül geframt. Die internationale Präsenz mutiert in seiner Analyse zu einem neo-kolonialen Projekt, das Bosnien und Herzegowina absichtlich in einem Zustand der strukturellen Abhängigkeit hält, um westliche Wirtschaftsinteressen und eine zynische Geopolitik der Stabilität auf dem Rücken der Bürgerrechte abzusichern. Es ist eine Rhetorik, die sich besonders scharf an der kroatischen HDZ abarbeitet, um einen vermeintlich von außen gesteuerten Sündenfall zu konstruieren.
Doch diese Generalthese der exogenen Boshaftigkeit ist eine intellektuelle Nebelkerze, die die eigentlichen Täter aus der Verantwortung nimmt. Die destruktiven ethnischen Spannungen und die chronische Blockade des Landes sind in erster Linie indigen, nicht exogen verursacht. Sie sind das funktionale Fundament eines Patronagesystems, das von den lokalen Eliten aller Lager – ob bosniakisch, serbisch oder kroatisch – penibel gepflegt wird. Der Ethnonationalismus ist für die indigenen Akteure kein aufgezwungenes Übel, sondern ein hochrentables Geschäftsmodell. Die nach ethnischen Quoten aufgesplitterte Struktur des Dayton-Staates sichert den Parteien die exklusive Kontrolle über öffentliche Gelder, Staatsbetriebe und Posten. Eine echte Überwindung dieser Grenzen würde den lokalen Eliten die materielle Machtbasis entziehen. Die permanente Krise wird von ihnen daher von innen heraus aktiv reproduziert, um die eigene Bevölkerung in Geiselhaft zu halten.
Wie diese indigene Dynamik der Verantwortungslosigkeit in der Praxis kollabiert, lässt sich am Beispiel des Kantons Una-Sana und meiner Arbeit in Bihać über die Jahre hinweg konkret nachvollziehen. Ich habe vor Ort erlebt, wie die Region ab 2016 von der großen Geflüchtetenwelle schwer getroffen wurde. Während die Menschen in Bihać und die internationalen Helfer vor Ort im logistischen und humanitären Dauereinsatz waren, um den drohenden Kollaps abzuwenden, glänzte der durch ethnischen Proporz gelähmte Gesamtstaat in Sarajevo vor allem durch Abwesenheit und interne Zuständigkeitsstreitigkeiten. Das Elend der Schutzsuchenden und die Überlastung der lokalen Bevölkerung wurden von den indigenen Eliten hetzerisch instrumentalisiert.
Wenn man heute mit den Menschen in der Region spricht, begegnet einem eine tief sitzende, fast beklemmende Parallele. Angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen hört man in Bihać oft den fatalistischen Satz, ein erneuter Ausbruch des Krieges sei „völlig unvorstellbar“ – das alles sei „nur Panikmache der Eliten“, um von der eigenen Korruption abzulenken. Doch im selben Atemzug fügen die älteren Menschen hinzu, dass diese Beschwichtigungen haargenau jener kollektiven Verdrängung gleichen, die in Bosnien zwei Wochen vor dem tatsächlichen Kriegsausbruch im Frühjahr 1992 herrschte. Die indigenen Eliten spielen hier ein zynisches Spiel mit dem kollektiven Trauma: Sie erzeugen eine permanente Schockstarre, um das Land reformunfähig zu halten.
Für das verhältnismäßig geringe Ausmaß seiner exekutiven Interventionen wird der Hohe Repräsentant nun zum primären Sündenbock einer Debatte gemacht, deren eigentliche Treiber in den Hauptquartieren der ethnischen Parteien in Sarajevo, Banja Luka und Mostar sitzen. Eine tragfähige Kritik an der internationalen Ordnung darf nicht bei der einseitigen, ideologischen Verurteilung einzelner Akteure oder Parteien stehenbleiben, sondern muss die inhärenten Blockademechanismen der indigenen Eliten in den Fokus rücken.
In dieser zynischen Dynamik erfüllt die internationale Gemeinschaft, insbesondere das Amt des Hohen Repräsentanten, eine paradoxe Funktion: Sie dient den lokalen Akteuren als bequeme Ausrede. Die fortwährende Selbstblockade der indigenen Institutionen wird so lange kultiviert, bis der OHR gezwungen ist, mittels seiner exekutiven Befugnisse unpopuläre, aber überlebenswichtige Entscheidungen zu fällen. Im Anschluss nutzen die lokalen Führer diese Interventionen prompt, um sich vor ihrer jeweiligen Wählerschaft als Opfer einer externen Fremdbestimmung zu inszenieren. Wer wie Husic diese exogenen Reaktionen isoliert angreift, blendet die indigene Inszenierung, die ihnen vorausgeht, vollkommen aus.
Dass ein anderer Weg möglich ist, belegen nicht die geopolitischen Reißbrett-Analysen, sondern die soziologische und gelebte Realität an der Basis. Die aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten von Valentina Otmačić (Resisting Inter-Ethnic Violence, Routledge 2025) über gemeinschaftsbasierte Ansätze der Konflikttransformation sowie die ethnografischen Studien von Nada Glad (Goranski mir-ovi) über das Erbe von Franjo Starčević in Mrkopalj zeigen präzise auf, wo das echte Potenzial für eine Transformation liegt: in der indigenen Resilienz und den Graswurzelbewegungen des Gorski Kotar, die sich der ethnischen Segregation von unten heraus verweigern.
Meine eigenen Feldforschungen und Interviews vor Ort im Frühjahr 2025 – im Dialog mit lokalen Friedenspädagogen und Akteuren der Zivilgesellschaft – bestätigen diesen Befund. Wenn internationale Initiativen und zivilgesellschaftliches Engagement – wie die Unterstützung des Waisenhauses in Bihać – die grundlegende Versorgung vulnerabler Gruppen mitsichern müssen, dann verteidigen sie diesen realen Raum der Empathie gegen einen durch interne Korruption gelähmten Staatsapparat, dessen Eliten die Daseinsvorsorge der eigenen Kinder lieber opfern, als ihr System der Selbstbedienung zu gefährden.

Hi, ich bin schon in der Nachbereitung und abschliessend dieses supercoolen Aktionswochenendes. Schon mal vielen Dank an Alle, die in Erfurt waren!!! Wie wir selbst erlebt haben, waren wir superstark und trotzdem …
Doch: ein spezieller dank geht dieses mal an micha. Nicht nur als Fahrer und cooler Mitkämpfer. Dank ihm sind wir letztendlich alle im coolen ERFURTER FINGER gelandet!!! Er hat damit erfolgreich seine Lizenz zum REISELEITER DER AUTONOMEN ANTIFA erworben. 🫵👊💪✌️👌😜👻🥳🤩😎🍾))) 11:59
😂😅
Aus unserer adhoc Bezugsgruppe: Beste Grüße auch von Ashad! Bin übrigens gestern Abend noch gut in Berlin angekommen. Herzlichen Dank noch mal für die tolle Aktion bei Euch in Erfurt. Was Ihr da auf die Beine gestellt habt, gibt mir Zuversicht, dass der Widerstand aufrecht erhalten werden kann, auch wenn die Zeiten dunkler werden! 13:37
❤️5🔥
Wir waren eine großartige Bezugsgruppe – danke an jeden von uns: für unseren Mut und unser Engagement FÜR EINE GERECHTE POLITIK und Sicherung der wahrhaft[ wehrhaft-]igen Demokratie in unserem Land ✊🏼🚩💚
Ich hab mich mit euch immer wohl und stark gefühlt – einfach genau richtig! 13:39
❤️5✊ ✊
H
Halleluja, dem kann ich fett zustimmen. Danke euch allen!! 19:40
🌈



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