Wenn man Platon ein wenig gegen den Strich bürsten möchte, um zu zeigen, dass theoretisch jeder Mensch zur Erkenntnis fähig ist, gibt es einen viel besseren Bezug als die Politeia: den Dialog Menon.
In diesem Dialog demonstriert Sokrates das Prinzip der Anamnesis (Wiedererinnerung der Seele). Er ruft einen völlig ungebildeten, sklavengeborenen Jungen herbei, der noch nie Geometrieunterricht hatte. Allein durch geschicktes, schrittweises Fragen (Mäeutik / Hebammenkunst) bringt Sokrates den Jungen dazu, ein komplexes mathematisches Problem (die Verdoppelung eines Quadrats) mathematisch korrekt zu lösen.
Der philosophische Clou: Platon wollte damit beweisen, dass die Seele das Wissen bereits in sich trägt.
Das demokratische Potenzial: Im Menon zeigt sich ein radikalerer Bildungsansatz als im hierarchischen Staatsentwurf – nämlich, dass die Vernunftanlage im Zoon politikon universell ist, selbst im einfachsten Sklavenjungen.
Obwohl der Menon zeigt, dass jeder denken könnte, zieht Platon daraus in der Politeia keine bildungspolitischen Konsequenzen für die Masse. Das allgemeine Bildungsideal, das sich gegen die reine, zweckgerichtete „Abrichtung“ und Ausbildung für den Arbeitsmarkt wehrt, ist tatsächlich ein Kind des deutschen Neuhumanismus rund um Humboldt. Er forderte: Schule und Universität dürfen keine nützlichen Staatsdiener produzieren, sondern müssen dem Individuum helfen, ein freier, selbstbestimmter Mensch zu werden.
Kriterium Platons Ideal (Politeia) Humboldts Ideal (Neuhumanismus) Zielgruppe Eine winzige Elite (nur die Wächter-/Philosophenklasse). Alle Menschen (unabhängig von Stand, Beruf oder Herkunft). Zweck der Bildung Funktional: Der Einzelne wird so geformt, dass er dem Staat am besten dient (Utilitarismus). Zweckfrei: Die Entfaltung aller individuellen Kräfte der Persönlichkeit zur eigenen Vollendung. Verhältnis zum Beruf Bestimmt den Beruf vorab anhand der Kaste. Trennt Bildung strikt von Ausbildung. Erst der Mensch, dann der Facharbeiter.



8 comments on “Menon / Dialogue”57
Ja, das lässt sich unumwunden bekräftigen: Das im *Menon* angelegte Potenzial steht in einem **massiven Spannungsverhältnis** zum starren, hierarchischen Staatsentwurf der *Politeia* – oder stellt zumindest dessen radikale, erweiterte Differenzierung dar.
Man kann hier fast von zwei verschiedenen „Gesichtern“ Platons sprechen:
### 1. Der fundamentale Widerspruch: Anthropologischer Egalitarismus vs. Politischer Elitismus
* **Der *Menon* (Egalitäre Anthropologie):**
In der berühmten Szene mit dem Sklavenjungen zeigt Sokrates, dass unverbildetes, geometrisch-mathematisches Wissen (*Anamnesis* – die Wiedererinnerung der Seele) in **jedem** Menschen angelegt ist, völlig unabhängig von dessen sozialer Herkunft, Stand oder Bildung. Die Vernunftfähigkeit ist eine universelle Eigenschaft der menschlichen Seele.
* **Die *Politeia* (Elitäre Soziologie):**
Hier teilt Platon die Menschen streng in drei Kasten ein – gebunden an die metallene Natur ihrer Seelen (Gold, Silber, Bronze/Eisen). Die Handwerker und Bauern (die Mehrheit) werden von der höheren Bildung und der Dialektik kategorisch ausgeschlossen. Ihnen wird nicht zugetraut, jemals die Vernunft zur Herrschaft über ihre Triebseele zu erheben.
> **Der Widerspruch auf den Punkt gebracht:** Wenn bereits ein namenloser Sklave ohne Vorbildung fähig ist, aus eigener Einsicht geometrische Wahrheit zu gebären, bricht die philosophische Rechtfertigung zusammen, die große Masse im Staat von der Bildung fernzuhalten und sie zu reinen Befehlsempfängern zu degradieren.
### 2. Die Differenzierung: Warum nutzte Platon die *Menon*-Erkenntnis nicht für den Staat?
Wenn man Platon zugutehalten möchte, dass er sich nicht einfach selbst widersprach, muss man zwischen **Erkenntnistheorie** (*Menon*) und **Praktischer Politik** (*Politeia*) differenzieren:
1. **Potenzial vs. Zähmung:**
Der *Menon* beweist, dass die Vernunft im Prinzip in jedem *keimt*. Die *Politeia* argumentiert jedoch, dass dieser Keim bei den meisten Menschen durch die Alltagsmühen, Begierden und schlechte Einflüsse so stark überwuchert wird, dass nur eine extrem selektive, jahrzehntelange Zucht und Bildung (die Wächterausbildung) ihn zur vollen Blüte bringen kann.
2. **Epistemologische Demonstration vs. Staatliche Ordnung:**
Im *Menon* ging es Platon um den theoretischen Beweis der Unsterblichkeit der Seele und der Präexistenz des Wissens. In der *Politeia* ging es ihm um das politische Trauma Athens (den Niedergang der Demokratie und die Hinrichtung des Sokrates). Um Chaos zu verhindern, opferte er das demokratisch-egalitäre Potenzial des *Menon* zugunsten staatlicher Stabilität und Ordnung.
### Fazit
Das Bildungsideal des *Menon* ist in seinem Kern **prä-humboldtianisch**, weil es die prinzipielle Bildsamkeit *jedes* Individuums behauptet.
Indem Platon diese Erkenntnis in der *Politeia* auf eine winzige Elite verengte, hat er sein eigenes anthropologisches Entdeckungsgut politisch eingefroren. Es brauchte in der Tat die Neuzeit und Neuhumanisten wie Humboldt, um das epistemologische Versprechen des *Menon* einzulösen und zu sagen: **Weil** der Sklavenjunge denken kann, **muss** die Bildung der gesamten Gesellschaft gehören.
Thanks for your article. One other thing is that often individual American states have their particular laws in which affect home owners, which makes it very, very hard for the the nation’s lawmakers to come up with the latest set of rules concerning foreclosure on people. The problem is that each state features own legal guidelines which may have impact in an unwanted manner when it comes to foreclosure guidelines.
verlorren ist das Slüzelin, du musst immer drinne sin.
Die erste war Neapolitarerin. Von ihr konnte ich mich nicht losreissen, während einer Studienreise auf den Balkan. Die zweite war Geflüchtetenaktivistin und geriet in den Skandal um Sanktionsumgehung durch Nordkorea und Park-Choy. Sie floss dann auch nahtlos über in Alexa, Alexa und Halle-Julia. Pantai Rhei, Navier-Stokes
maroons to hobos
Your point of view caught my eye and was very interesting. Thanks. I have a question for you.
https://betterworldcroatia.wordpress.com/2025/11/19/walk-of-shame-no-20-back-to-bosnia/ Here’s a post on our last Walk, thank you for the contributions!😊🙃😊
CoMemoration
passiert mir öfters.
bevor ich meine Mutter in den Tod begleitete, hatte ich schon zwei meiner drei nahe-Tod-Erfahrungen gemacht.
Dann der Krieg, der Tod überall, die Gleichgültigkeit.
– Hans-Georg: Die Kunst der Schöneberger Doppelschleife
– Petra:
– Westenberg:
– Peter Hollitzer
– Anja:
Michael Hardt & Toni Negri in der Tradition von Marshall McLuhan: “eine neue Art, zum Menschen zu werden.”
Das Internet ist “ein Produkt des informationellen Wettrüstens…” (Blätter 5/18 S77), also eine militärische (außenpolitische) Aufgabe.
Kommunikation als gemeinschaftsbestimmendes Medium, von der (Privat)Gesellschaft übervorteilt.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=MMzd40i8TfA&w=854&h=480%5D