
Ich sitze ja schon eine Weile daran, Bakunins “Aufruf an die Slawen” zeitgenössisch zu remixen. Die Parallelen der Situation der Ukrainer als Spielball zwischen dem Westen und dem putinschen Russland zu jener, die Bakunin 1848 für die “Austroslaven” beschreibt, stechen ins Auge. Es mag etwas sehr weit hergeholt sein,, Bipolarität des Westens – USA und EU – mit der inneren Führung der Hegemonialmacht Österreich unter Windisch-Graetz vergleichen zu wollen, doch letzten Endes reproduzieren diese analytischen Schwächen die geschichtsträchtige Kritik an Bakunins Pamphlet. Denn der erste Anstoß für diesen Remix war es, eine Brücke zu schlagen von einer prä-ideologischen Zeit zu einer post-ideologischen.
Anders als manche allerjüngsten Online-Kommentatoren, die eine erfolgreiche Gegenöffentlichkeit zelebrieren, die sich von den Mainstreammedien emazipiert haben soll, erfahre und erlebe ich nach wie vor den Ukraine-Komplex von den solchen konventionellen Leitmedien dominiert. Während der Eskalationsstufen von der Osterweiterungsdiskussion, über die Assoziierungsverhandlungen, den Maidan-Demonstrationen, der Krim-Krise bis hin zum jetzigen Konflikt folgt die öffentliche Meinung dem immer gleichen Schema von Russland Bashing über Blaming bis Zu- und Eingeständnis. Nahezu völlig unkommentiert bleibt in dieser Abfolge die intrinsische Schwäche der Ukrainischen Politik.
Nun werde ich gefragt, wie deeskalierend auf die Situation eingewirkt werden kann, nur um der Frage die entsprechenden Tiraden gegen Putin anzuhängen. Die Plattitüde, mit der Putin mit einem monolithischen Russland gleichgesetzt wird, in Personalunion mit Idi Amin und / oder Milosevic / Karadzic, erlaubt mir, die Deeskalationsstrategie per se zu verwerfen. Das Missverständnis des diplomatisch und strategisch gewieften Menschen Putin und die Unmöglichkeit das Riesenreich taktisch zu mikromanagen, disqualifizieren kleinteilige Reaktion. Putins Macht rührt daher, den russischen Nationalstolz bedienen zu können. Die maroden Industrieanlagen der Ostukraine hingegen sind ihm, der er immer noch Russland-eigene solche en mas zu sanieren hat, ein Greul. Dasselbe gilt für die oft beschworenen Kohlelagerstätten.
Den russischen Nationalstolz bedient Putin, indem er Klarheit und Ordnung in dem chaotischen Riesenreich schafft, nicht indem er sich auf die Unübersichtlichkeit eines Bürgerskriegs einlässt und die Handlungen unkontrollierbaren Partisanen erklären muss. Denn die Gefahr einer weiteren Eskalation in der Ukraine besteht darin, dass die lokalisierte Gewalt in einen Bürgerkrieg nach dem Muster Bosniens, Srebrenica und Mostar festfährt, der niederschwellige internationale Beteiligung bedingt. 
Gegeben aber dass die Strukturen und die Situation eine Entladung der Gewalt fordern, und dass jedes Appeacement und halbherzige Interventionen die Fehler der Vergangenheit reproduzieren, die Probleme verschleppen und die unbefriedigende, verfahrene Situation perpetuieren, bietet sich die Alternative an, das Stadium des bestialischen Bürgerkriegs zu überspringen und in die eingeübten Kanäle eines kontrollierbaren, wohldefinierten und verklausulierten Krieg zu lenken.
Den Krieg provozieren um den Bürgerkrieg zu vermeiden.
Ist doch wahr: Schon 1991 meinte Baudrillard, dass der 2. (“Desert Storm”) Golfstrom überhaupt nicht statt fand, weil er von einer überwältigenden Mehrheit der Anteilnehmer als Videospiel erlebt wurde. Heute ärgern wir als uniformierte Burger uns über Drohnen, debattieren die Vaterschaftsurlaubsvertretung an der Front und befördern einen Oberst trotz seines Vertippers, der 70 Benzinräubern das Leben kostet. Und die Soldaten, die durch die offiziellen Kanäle geschickt werden, sind klever genug, die Waffen niederzulegen, als auf ihresgleichen zu schießen.
Anstelle ein Regime und System zu stützen, das seine eigenen Menschen auf einander hetzt, sollte die EU also die Herausforderung ihres vermeintlichen Feind annehmen und Russland unter Wahrung der Neutralität der Ukraine den Krieg erklären. Mal sehen, wie schnell daraufhin die Militärstrategen an den Verhandlungstischen zur Einsicht kommen, und die unter dem Teppich liegenden strukturellen und geopolitischen Probleme angehen werden und den Weg frei machen, weg von einer kapitalinteressengetriebenen Außenpolitik, hin zu einer “allgemeinen Föderation der europäischen Republiken” (Bakunin), die Kants “ewigen Frieden” tatsächlich externalisieren kann.





der partizipative Beobachter des zivilisatorischen Niedergangs
says:So recht wissen, was ich tu, tu ich nicht. Trotzdem: Thanks for sharing. I read many of your blog posts, cool, your blog is very good. Systemix ist ein Avator von Dada…, dem Über-Ich, ein Ego (von mehreren, Icke…). die partizipativen Beobachter sind Andere.
Dadi Dada
says:Das ist ein hervorragender und historisch sehr präziser Ansatz. Du triffst den Nagel auf den Kopf: Bakunins radikale Abkehr vom (Föderal-)Staat war eine Reaktion auf die dysfunktionalen Machtstrukturen seiner Zeit, nicht unbedingt eine Widerlegung des föderalen Prinzips an sich.
Hier sind Argumente, dass eine „freie Föderation“ heute eine stabilere und sinnvollere Basis bieten könnte, als Bakunin es in seiner späteren Phase wahrhaben wollte:
1. Die Unterscheidung: Imperiale Pseudo-Föderation vs. Subsidiarität
Der Punkt zu Österreich-Ungarn ist entscheidend. Die Donaumonarchie war eine Top-Down-Konstruktion, um ein zerfallendes Empire zusammenzuhalten.
Bakunins Fehlschluss: Er sah, dass „Föderalismus“ dort nur ein Codewort für das Feilschen zwischen nationalen Eliten und der Krone war.
Das Gegenargument: Eine echte Föderation (nach heutigem Verständnis) basiert auf dem Subsidiaritätsprinzip. Macht wird nicht von oben „gewährt“, sondern von unten (der Kommune) nach oben (der Region/Föderation) delegiert. Bakunins spätere Totalablehnung übersah, dass Koordinationsinstanzen zwischen Kommunen keine Unterdrückungsorgane sein müssen, sondern logistische Notwendigkeiten in einer vernetzten Welt sind.
2. Kommunikationsräume statt „Blut und Boden“
Bakunin war 1848 noch stark im ethnischen Denken verhaftet. Als er das aufgab, warf er das Kind mit dem Bade aus und landete beim abstrakten „Kollektivismus“.
Moderne Perspektive: Wir begreifen Regionen heute oft als funktionale Kommunikations- und Wirtschaftsräume.
Das Argument: Eine Föderation dieser Räume erlaubt kulturelle Identität ohne den Exklusivitätsanspruch des 19. Jahrhunderts. In einer globalisierten Welt bietet der föderale Rahmen den Schutzraum, den die einzelne Kommune allein nicht aufrechterhalten kann (z. B. ökologische Standards, Menschenrechte, digitale Infrastruktur).
3. Die „Tyrannei der Strukturlosigkeit“
Bakunins späterer Anarchismus setzt darauf, dass sich alles organisch ohne jede feste Institution regelt.
Kritik an Bakunins Radikalität: Historisch hat sich gezeigt, dass absolute Strukturlosigkeit oft zu informellen Hierarchien führt, in denen der Stärkere dominiert.
Argument: Eine „freie Föderation“ mit klaren, demokratisch legitimierten Regeln schützt das Individuum besser vor lokaler Willkür als das bloße Vertrauen auf die „revolutionäre Spontaneität“. Die Föderation dient als Korrektiv gegen den „lokalen Despotismus“.
4. Die technologische Komponente (Warum es heute ginge)
Bakunin konnte sich eine Koordination ohne zentralistischen Staatsapparat technisch kaum vorstellen – deshalb wollte er den Staat ganz weg haben.
Argumentation: Heute erlauben dezentrale Technologien (wie das Internet oder Blockchain-Governance), eine Föderation zu steuern, ohne ein bürokratisches „Zentrum“ zu benötigen. Die funktionale Vernetzung, die Bakunin im 19. Jahrhundert als zwangsläufige Keimzelle eines neuen Staates fürchtete, lässt sich heute horizontal organisieren.
Zusammenfassung für die Argumentation:
„Bakunins spätere Ablehnung jeder staatlichen Föderation war eine historische Überreaktion auf die verkrusteten Verhältnisse der Vielvölkerstaaten des 19. Jahrhunderts. Er verwechselte die bürokratische Zwangsverwaltung eines sterbenden Empires mit der organisatorischen Notwendigkeit einer modernen, subsidären Ordnung. Heute wissen wir: Eine freie Föderation ist nicht das ‚Vorfeld des Staates‘, sondern die notwendige Infrastruktur der Freiheit.“
Bob Marley
says:no borders, no cry,
no nation, no cry,
no, Deppen don’t cry:
No Deppen, no war.
polis, poleis, Föderation der...
says:Wenn Bakunins „Aufruf an die Slaven“ (1848) analog heute an die Ukrainer gerichtet wäre, ließe sich seine zentrale Forderung etwa so zusammenfassen:
> Befreit euch nicht nur von fremder nationaler Unterdrückung – sondern auch von innerer sozialer Knechtschaft. Der Kampf gegen äußere Imperien (z. B. Russland) darf nicht in neuen Nationalstaaten enden, die selbst Ausbeutung, Militarismus oder Hierarchie reproduzieren.
Analogien für heute:
– Befreiung darf nicht bei der nationalen Souveränität stehenbleiben. Auch ein souveräner Staat kann ein repressives System sein – wenn er Oligarchie, Kapitalherrschaft oder politische Entmündigung zulässt.
– Solidarität unter den Völkern, nicht zwischen Nationalstaaten. Bakunin forderte eine slawische Föderation freier Gemeinden – heute wäre das eine Vision grenzüberschreitender Demokratie von unten, z. B. zwischen Ukrainer*innen, Russ*innen, Belarus*innen u. a.
– Gegen jede imperiale Macht – West wie Ost. Bakunin warnte nicht nur vor Russland, sondern auch vor westlicher Instrumentalisierung. Heute wäre das eine Warnung vor geopolitischer Vereinnahmung durch NATO, EU, USA – ohne deren Kritikfähigkeit zu verlieren.
Kurz: Ein „Bakunin 2024“ würde Ukrainer*innen zur sozialen Selbstbefreiung jenseits nationalistischer und imperialer Logik aufrufen – radikal, föderal, antikapitalistisch.
Yuri
says:auch interessant:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nestor_Machno
sowie:
https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/aktuelles-und-wissenswertes/artikel.347560.php
Michael Ickes
says:Es gibt jetzt auch ein Doc, um dieses Projekt zur Umsetzung zu bringen: http://mimaimix.de/icke/docs/bakunin-an-die-slaven/
Michael Ickes
says:Vielen Dank für all eure wertvollen Kommentare auf dem Weg zu einem weiteren PostScript / Update. Die “Bipolarität” des Westens soll entsprechend dargestellt werden durch eine Personifizierung mit Kerry und Ashton. Ich sehe eine Dualität wie jene von Voldemore und Riddle, oder aber auch eine Trinität wie jene der Profile von Marx, Engels und Lenin. @fflebs möge das entsprechend umsetzten. Es folgt, dass nicht die EU Russland den Krieg zu erklären hat, sondern die USA. Vielleicht weil sie Snowden schützen? Des besseren Verständnisses wegen sollte ich außerdem auf einen Tweet von mir aufmerksam machen, der da menetekelte, dass sich Bakunin dem Zaren angebiedert hat und von ihm eingelocht wurde.